Grenzüberschreitender E-Commerce: Wie Digitale Produktpässe die Einhaltung von EU-Produktvorschriften stärken können

Jedes Jahr gelangen Milliarden von Produkten über den Onlinehandel in die Europäische Union, häufig direkt von Verkäufern außerhalb der EU an die Haustür der Verbraucher. Für Zoll- und Marktüberwachungsbehörden wird es zunehmend schwieriger, sicherzustellen, dass diese Produkte die europäischen Sicherheits- und Nachhaltigkeitsanforderungen erfüllen. Ein gemeinsames Whitepaper, das in Zusammenarbeit mit den EU-geförderten Projekten PARSEC, CIRPASS-2, BORDERLINK EU entstanden ist, untersucht, wie Digitale Produktpässe (DPPs) Behörden dabei unterstützen können, auf verlässliche Produktinformationen zuzugreifen, Compliance-Risiken zu erkennen und den grenzüberschreitenden Onlinehandel besser zu überwachen. Hier sind die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Whitepaper:

Die wachsenden Herausforderungen des grenzüberschreitenden Onlinehandels
Der grenzüberschreitende Onlinehandel hat grundlegend verändert, wie Produkte europäische Verbraucher erreichen. Internationale Onlineplattformen ermöglichen es, Kleidung, Elektronik, Spielzeug und zahlreiche andere Waren direkt bei Verkäufern aus aller Welt zu bestellen, häufig zu ausgesprochen niedrigen Preisen.
Das Handelsvolumen wächst rasant. Nach Angaben der Europäischen Kommission gelangten im Jahr 2024 4,6 Milliarden Waren mit einem Einzelwert von höchstens 150 Euro in die EU. Das entspricht nahezu einer Verdopplung gegenüber den 2,4 Milliarden Waren im Jahr 2023 und rund 12 Millionen Paketen beziehungsweise Artikeln pro Tag.
Während diese Entwicklung Verbrauchern eine größere Auswahl und mehr Komfort bietet, stellt sie europäische Behörden vor enorme Herausforderungen. Jedes Produkt, das in die EU eingeführt wird, muss die geltenden europäischen Vorschriften erfüllen, unabhängig davon, wo es hergestellt oder wie es gekauft wurde. Diese Anforderungen betreffen unter anderem die Produktsicherheit, chemische Stoffe, die Umweltverträglichkeit, Kennzeichnungspflichten und weitere gesetzliche Vorgaben. Angesichts der enormen Anzahl einzelner Sendungen ist eine umfassende physische Kontrolle jedoch unmöglich.
Die Folgen sind bereits sichtbar. Bei einer koordinierten EU-Untersuchung, an der rund 200 Marktüberwachungsbehörden beteiligt waren, wurden 30.000 importierte Produkte von 25 Onlineplattformen stichprobenartig überprüft. Mehr als 50 % der untersuchten Produkte erfüllten die EU-Marktanforderungen nicht. Die Untersuchung umfasste unter anderem Spielzeug, Kosmetik, Elektronik, Nahrungsergänzungsmittel und persönliche Schutzausrüstung.
Diese Ergebnisse werfen Fragen zur Verbrauchersicherheit und zum fairen Wettbewerb auf. Europäische Hersteller investieren in die Einhaltung regulatorischer Anforderungen, während nicht konforme Importprodukte dieselben Kunden erreichen können, ohne vergleichbare Compliance-Kosten tragen zu müssen. Mit dem weiteren Wachstum des Onlinehandels benötigen Behörden daher bessere Möglichkeiten, Risiken zu erkennen und die Einhaltung von Produktvorschriften zu überprüfen.
Warum herkömmliche Produktkontrollen nicht mehr ausreichen
Die EU verfügt über etablierte Systeme zum Schutz der Verbraucher und zur Sicherstellung, dass Produkte auf dem europäischen Markt die geltenden Vorschriften erfüllen. Zollbehörden kontrollieren Waren bei der Einfuhr in die EU, während Marktüberwachungsbehörden überprüfen, ob die auf dem Markt angebotenen Produkte den gesetzlichen Anforderungen entsprechen. Beide erfüllen wichtige Aufgaben, doch der grenzüberschreitende Onlinehandel macht ihre Arbeit zunehmend komplex.
Traditionelle Importprozesse umfassen häufig größere Warenlieferungen, die von etablierten Importeuren abgewickelt werden. Im direkten Onlinehandel mit Verbrauchern treffen dagegen Tausende kleiner Sendungen von unterschiedlichen Verkäufern, Herstellern und Logistikzentren ein. Auch die Verantwortlichkeiten lassen sich nicht immer eindeutig zuordnen. Je nach Transaktion und geltender Gesetzgebung können verschiedene Akteure beteiligt sein, darunter Hersteller, Onlineplattformen, Verkäufer, Importeure und bevollmächtigte Vertreter.
Sobald ein Paket die Zollabfertigung durchlaufen hat, kann es direkt an den Verbraucher geliefert werden. Marktüberwachungsbehörden haben dadurch nur begrenzte Möglichkeiten, einzugreifen, bevor das Produkt seinen Bestimmungsort erreicht.
Eine weitere Herausforderung ist der Zugang zu verlässlichen Informationen. Produktdokumentationen können über verschiedene Systeme verteilt sein, in uneinheitlichen Formaten vorliegen oder den Behörden zum benötigten Zeitpunkt nicht zur Verfügung stehen. Ohne ausreichende Informationen wird es schwierig, potenziell unsichere oder nicht konforme Produkte zu identifizieren, insbesondere wenn Millionen von Sendungen bearbeitet werden müssen. Hier können Digitale Produktpässe einen wichtigen Beitrag leisten.
Wie Digitale Produktpässe die Situation verbessern können
Digitale Produktpässe werden im Rahmen verschiedener EU-Verordnungen eingeführt, darunter die Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte (ESPR), die EU-Batterieverordnung und die Bauprodukteverordnung.
Ein Digitaler Produktpass ermöglicht den digitalen Zugriff auf Informationen zu einem Produkt. Welche Daten konkret bereitgestellt werden müssen, hängt von den gesetzlichen Anforderungen für die jeweilige Produktgruppe ab. Dazu können Informationen über Materialien, Umweltauswirkungen, technische Eigenschaften, Konformitätsdokumentationen und weitere relevante Produktmerkmale gehören.
Obwohl Digitale Produktpässe eng mit Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft verbunden sind, bieten sie auch Potenzial für die Überwachung der Einhaltung von Produktvorschriften. Im grenzüberschreitenden Onlinehandel könnten sie Behörden einen einheitlicheren Zugang zu den Informationen ermöglichen, die für die Bewertung von Produkten bei der Einfuhr in die EU benötigt werden.
Produktinformationen zugänglich und transparent machen
Heute sind Produktinformationen häufig auf Hersteller, Lieferanten, Importeure und Onlineplattformen verteilt. Digitale Produktpässe könnten diese Informationen über standardisierte digitale Datensätze miteinander verknüpfen, die eindeutig identifizierbaren Produkten zugeordnet sind.
Anstatt Dokumentationen einzeln bei verschiedenen Wirtschaftsakteuren anzufordern, könnten berechtigte Akteure über die DPP-Infrastruktur auf relevante Informationen zugreifen, sofern sie über die entsprechenden Zugriffsrechte verfügen.
Davon könnten verschiedene Beteiligte profitieren:
Zollbehörden könnten Produktinformationen bereits zu einem früheren Zeitpunkt im Importprozess erhalten.
Marktüberwachungsbehörden könnten einfacher auf Konformitätsdokumentationen zugreifen und einheitlichere Kontrollen in den EU-Mitgliedstaaten durchführen.
Onlineplattformen könnten Digitale Produktpässe als strukturierte Grundlage nutzen, um Produktmerkmale zu erfassen und Verbrauchern bereitzustellen.
Allerdings bedeutet das Vorhandensein eines Digitalen Produktpasses nicht automatisch, dass ein Produkt die EU-Vorschriften erfüllt. Die enthaltenen Informationen müssen korrekt, ausreichend detailliert und für die erforderlichen behördlichen Prüfungen geeignet sein.
Intelligentere Zollkontrollen und Marktüberwachung ermöglichen
Eine besonders vielversprechende Anwendung ist die Nutzung von DPP-Daten zur Risikobewertung.
Zollbehörden können nicht jedes eingehende Paket physisch überprüfen. Stattdessen setzen sie auf Risikomanagement, um Sendungen zu identifizieren, die genauer kontrolliert werden sollten. Der Zugang zu strukturierten, maschinenlesbaren Produktinformationen könnte diese Prozesse verbessern.
Behörden könnten beispielsweise Produktinformationen mit geltenden regulatorischen Anforderungen abgleichen, fehlende Dokumentationen erkennen oder Unstimmigkeiten für weitere Untersuchungen kennzeichnen.
Digitale Informationen könnten außerdem die Zusammenarbeit zwischen Zoll- und Marktüberwachungsbehörden verbessern. Wenn relevante Informationen bereits vor der Freigabe von Waren für den EU-Markt verfügbar sind, könnten Behörden mögliche Verstöße gegen Produktvorschriften früher erkennen.
Die entscheidende Frage: Wie vertrauenswürdig sind die Daten im Digitalen Produktpass?
Produktinformationen zugänglich zu machen, ist ein wichtiger erster Schritt. Ihr tatsächlicher Nutzen hängt jedoch davon ab, ob diese Informationen vertrauenswürdig sind.
Ein Digitaler Produktpass kann Angaben zur Zusammensetzung, Herkunft, zu Umwelteigenschaften oder zum Konformitätsstatus eines Produkts enthalten. Behörden müssen beurteilen können, wie glaubwürdig diese Angaben sind.
Wer hat die Informationen bereitgestellt? Ist der Aussteller berechtigt, die entsprechenden Aussagen zu treffen? Wurden die Informationen unabhängig überprüft? Und sind sie noch gültig?
Diese Fragen sind besonders in internationalen Lieferketten relevant, in denen Informationen von zahlreichen Organisationen stammen können, die unterschiedlichen regulatorischen Rahmenbedingungen unterliegen.
Von Produktdaten zu verifizierbaren Nachweisen
Ein Digitaler Produktpass kann unterschiedliche Stufen der Vertrauenswürdigkeit bieten.
Auf einer grundlegenden Ebene können Informationen in einem standardisierten Format bereitgestellt werden. Weiterentwickelte Ansätze könnten es Behörden ermöglichen, die Herkunft bestimmter Angaben nachzuvollziehen und festzustellen, ob diese von einer vertrauenswürdigen dritten Partei überprüft wurden.
Ein Hersteller könnte beispielsweise Produktmerkmale bereitstellen, während eine autorisierte Zertifizierungsstelle einen Nachweis darüber ausstellt, dass bestimmte Anforderungen erfüllt wurden.
Technologien wie Verifiable Credentials (verifizierbare digitale Nachweise) helfen dabei, die Authentizität und Herkunft solcher Nachweise sicherzustellen, sodass relevante Angaben digital überprüft werden können.
Auch European Business Wallets (Europäische Unternehmenswallets) werden vertrauenswürdige Interaktionen zwischen Organisationen unterstützen, indem sie die Bereitstellung und Überprüfung digitaler Nachweise ermöglichen.
Diese Ansätze sind besonders relevant, wenn Informationen sicher zwischen Herstellern, Lieferanten, Zertifizierungsstellen, Onlineplattformen und öffentlichen Behörden ausgetauscht werden müssen.
Die vollständige Umsetzung Digitaler Produktpässe wird schrittweise erfolgen. Beginnend mit zugänglichen Produktdaten werden zunehmend stärkere Mechanismen für digitale Identitäten, Zugriffskontrollen und Verifizierung entwickelt. Dadurch können Compliance-Informationen sowohl für Unternehmen als auch für Behörden immer wertvoller werden.
Was bedeutet das für Unternehmen, Behörden und Verbraucher?
Die potenziellen Vorteile besserer Produktinformationen betreffen das gesamte Ökosystem des Onlinehandels:
Für Hersteller und Importeure könnten Digitale Produktpässe eine einheitlichere Möglichkeit schaffen, regulatorische Informationen für Geschäftspartner und Behörden bereitzustellen. Dies könnte wiederholte Dokumentationsanfragen reduzieren und effizientere Compliance-Prozesse unterstützen.
Für Onlineplattformen könnte der Zugang zu strukturierten Produktdaten die Qualität und Einheitlichkeit von Produktinformationen verbessern. Abhängig von der künftigen Ausgestaltung der Plattformverantwortlichkeiten könnten diese Daten auch neue Möglichkeiten zur Überprüfung von Konformitätsdokumentationen eröffnen.
Für Zoll- und Marktüberwachungsbehörden könnten maschinenlesbare Informationen gezieltere Kontrollen, bessere Risikobewertungen und eine engere Zusammenarbeit ermöglichen. Angesichts der wachsenden Zahl kleiner Sendungen wäre dies besonders wertvoll.
Für Verbraucher könnte eine größere Transparenz dabei helfen, Produkteigenschaften besser zu verstehen und fundierte Kaufentscheidungen zu treffen.
Auch kleinere Unternehmen müssen berücksichtigt werden. Die Umsetzung Digitaler Produktpässe muss für Unternehmen mit begrenzten technischen Ressourcen praktikabel bleiben, insbesondere wenn Produktdaten von internationalen Lieferanten eingeholt werden müssen.
Ob diese Vorteile tatsächlich erreicht werden, hängt von einer praxistauglichen Umsetzung, interoperablen Systemen und klaren Regeln für den Zugang zu und die Überprüfung von Informationen ab.
Für einen transparenteren und vertrauenswürdigeren EU-Binnenmarkt
Das rasante Wachstum des grenzüberschreitenden Onlinehandels stellt die europäischen Systeme zur Überwachung der Einhaltung von Produktvorschriften vor immer größere Herausforderungen.
Digitale Produktpässe bieten eine vielversprechende Grundlage, um Produktinformationen über internationale Lieferketten hinweg zugänglicher, einheitlicher und potenziell verifizierbar zu machen.
Ihr Nutzen für Behörden wird letztlich davon abhängen, wie zuverlässig die enthaltenen Informationen sind, wie effizient sie verarbeitet werden können und wie gut die Organisationen zusammenarbeiten, die für ihre Bereitstellung und Überprüfung verantwortlich sind.
Während sich die EU-Regulierung und die digitale Infrastruktur weiterentwickeln, könnte die Verknüpfung Digitaler Produktpässe mit Zollprozessen und der Marktüberwachung zu einem wichtigen Schritt hin zu sichereren Produkten, fairem Wettbewerb und einem transparenteren europäischen Binnenmarkt werden.
Weitere Einblicke im vollständigen Whitepaper
Dieser Artikel basiert auf dem gemeinsamen Whitepaper “Cross-Border E-commerce to Consumers, Digital Product Passports (DPP), and the Role of Authorities, das im Rahmen der Initiativen PARSEC, CIRPASS-2, BORDERLINK sowie der Cross-Project DPP Authorities Working Group entstanden ist.
Das Whitepaper untersucht den rechtlichen Rahmen, die Prozesse des grenzüberschreitenden Onlinehandels, die Zuständigkeiten von Zoll- und Marktüberwachungsbehörden sowie die technischen Chancen und Herausforderungen rund um verifizierbare Digitale Produktpässe.
Lesen Sie hier das vollständige Whitepaper.


